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Nautilus - ein brauchbares Paradigma für Ammoniten-Gehäuse?
Die mittelalterliche Tradition der Naturwissenschaften war
in starkem Maße durch die antiken Schriften geprägt.
Die zum Teil mystischen Vorstellungen von Plinius dem Älteren,
die er in seinem Werk >Historia Naturae< niedergelegt
hatte, waren bis ins 18. Jahrhundert hinein für die Mutmaßung
verantwortlich, daß Ammoniten, die im volkstümlichen
Sprachgebrauch auch als "Donner beziehungsweise
"Wettersteine" ("Große Krötensteine",
"Brontia", "Ombria") bezeichnet wurden,
während heftiger Gewitter und Platzregen vom Himmel gefallen
seien. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts setzte sich vereinzelt
die Anschauung durch, daß Ammoniten - wie viele andere
Fossilien - Reste vergangener Lebewesen seien.
Mit dieser revolutionären Erkenntnis beginnt auch die
konkrete naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, die jedoch
aus der klerikal dominierten Tradition heraus zunächst
fast zwangsläufig noch zu dem Schluss führen musste,
dass alle Fossilien Reste der biblischen Sintflut seien. Erst
zu Beginn des 19. Jahrhunderts wagten die ersten Wissenschaftler,
sich über die Zwangsjacke der kirchlichen Lehrmeinung
hinwegzusetzen, und postulierten, dass die Fossilien in den
verschiedenen übereinander gestapelten Gesteinsfolgen
ein unterschiedliches Alter besäßen.
Einer der ersten Verfechter dieser modernen Sichtweise war
J. C. M. Reinecke in Coburg, der 1818 mit seinem in Lateinisch
geschriebenen Werk >Des Urmeeres Nautili und Argonautae
aus dem Gebiet von Coburg und Umgebung< eine bis heute
brauchbare und detaillierte Beschreibung von Ammoniten lieferte.
In diese Aufbruchszeit datiert auch die Etablierung der sogenannten
Biostratigraphie durch W Smith, der in England von 1769 bis
1839 gelebt hatte.
Anhand der vertikalen Abfolge charakteristischer Ammoniten-Formen
definierte er eine zeitliche Abfolge von Gesteinsschichten.
Sie ermöglichte nun erstmalig, Aufschlüsse unterschiedlicher
Gegenden, die den gleichen Fossilgehalt aufweisen, als zeitgleich
abgelagerte Einheiten zu korrelieren. Die in dieser Zeit eingeleitete
naturwissenschaftliche Betrachtung, in der anfangs zoologisch-systematische
Fragen der Zuordnung fossiler Conchilien zu modernen, heute
lebenden Äquivalenten im Vordergrund standen, wagte aber
auch funktionale Überlegungen, die aus heutiger Sicht
teilweise recht kuriosen Charakter hatten. Anhand der Beobachtungen,
dass im Zuge der Verwitterung Ammoniten-Steinkerne entlang
der Kammerscheidewände zerfallen, folgerte 1823 beispielsweise
J. E Krüger, dass die Ammonitenglieder deutlich zeigen,
dass sie, wie Rückenwirbel höherer Tierklassen,
mit gelenkartigen Fortsätzen versehen sind und dem lebenden
Tier eine Gelenk-Bewegungverstatteten." Heteromorphe
Ammoniten, welche abweichend von der "normalen"
planspiral aufgerollten Gehäuseröhre keine geschlossene
Spirale aufweisen, hat er deshalb als Tiere gedeutet, die
sich, vom Tode überrascht, nicht mehr vollständig
zusammenrollen konnten.
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Die Unterteilung spiralförmiger Conchilien durch Carl
Von Linne in solche, die einkammerig (Argonautae) und mehrkammerig
(Nautili) sind, hat dazu geführt, dass von Anbeginn der
wissenschaftlichen Beschreibung die Ammoniten - wie ursprünglich
auch spiralförmig aufgerollte, den Amöben verwandte
einzellige Foraminiferen - den Nautili zugeordnet wurden.
Versuche, die Ammoniten als Lebewesen zu rekonstruieren, orientierten
sich deshalb vor allem an dem noch heute lebenden Nautilus.
Die auf den ersten Blick verblüffende Ähnlichkeit
im Gehäusebau zwischen Nautilus und den Ammonoideen wurde
teilweise bis in die Gegenwart als Rechtfertigung erachtet,
die vier bis sechs Arten der modernen Nautiliden, die sich
auf die zwei Gattungen Nautilus und Allonautilus verteilen,
als Paradigma für die Interpretation der Ammoniten zu
verwenden. Gerade in jüngerer Zeit sind mehrfach Zweifel
an der Zulässigkeit dieses Vorgehens geäußert
worden.
Wir wollen dieser zentralen Frage, inwieweit die Ähnlichkeit
im Gehäusebau auch eine Gleichsetzung der Weichkörperorganisation
einerseits und der Lebensweise andererseits zwischen Nautilus
und den Ammonoideen rechtfertigt, zu einem Leitmotiv des vorliegenden
Buches erheben und werden sehen, dass die Ammonoideen aufgrund
paläobiologischer Argumente und ihrer spezifischen Lebensstrategien
in der Tat den modernen coleoiden Tintenfischen näher
standen als den vielfach als altertümlich erachteten
Nautiliden ("lebendes Fossil"). Der deduktiven Methode
folgend, soll dabei vom derzeitigen Kenntnisstand zur stammesgeschichtlichen
Stellung der Ammonoideen im System der Weichtiere ausgegangen
werden.
Die Beweisführung beziehungsweise nähere Erläuterung
der dabei verwendeten Merkmale wird im späteren Zusammenhang
mit der funktionalen Interpretation einzelner Merkmalskomplexe
Schritt für Schritt nachgeliefert.
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| Ammonitenfoschung - Nautilus - J. C. M. Reinecke - W.
Smith - Conchilien - Amöben - Nautiliden - Foraminiferen
- Gesteinsschichten - J. E Krüger |
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