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Ammonoideen-Gehäuse weisen gegenüber dem modernen
Nautilus eine deutlich geringere Rate von regenerierten Schalenverletzungen
auf.
Während es bei praktisch allen Nautilus-Gehäusen
kleinere Beschädigungen auf ihrer sichtbaren Außenwindung
gibt, die im Wachstumsfortschritt an der kontinuierlich sich
nach vorne verlagernden Gehäusemündung eintraten
und repariert wurden, schwankt der Anteil entsprechender Verletzungen
bei den Ammonoideen artspezifisch in Abhängigkeit von
der Gehäusegestalt, der Fundregion und der mutmaßlichen
Lebensweise zwischen weniger als einem und etwa 20 Prozent
einer Population.
Verletzungen am Gehäuse und dem Mundsaumepithel, das
für die Anlage des Gehäuses verantwortlich war,
sind mit Abstand die häufigsten Ursachen für Anomalien
im Gehäusebau der Ammonoideen gewesen. In Analogie zu
Beobachtungen an heutigen im Wasser lebenden Weichtieren können
wir auch bei den Ammonoideen davon ausgehen, daß Gehäuseverletzungen
grundsätzlich aus Interaktionen mit anderen Lebewesen
resultieren (meist durch eine Räuber-Beute-Beziehung)
und nicht auf unkontrolliertes Anecken an Hindernissen oder
ähnliche mechanische Mißgeschicke zurückgehen.
Wurden solche Verletzungen wieder regeneriert, so hatte sich
der Ammo-nit offensichtlich erfolgreich gegen einen Predator
verteidigt. Betrafen die Verletzungen nur das Gehäuse,
nicht aber den kalkabscheidenden Mantel, konnten sie rasch
repariert werden und hatten grundsätzlich nur kleinere
Störungen im Verlauf der Anwachslinien beziehungsweise
der Skulptur zur Folge. Wurde allerdings das kalkabscheidende
Mundsaumepithel in die Verletzung einbezogen, traten je nach
Ausmaß der Verletzung lang anhaltende Störungen
im weiteren Gehäusebau ein. Waren bestimmte Epithelabschnitte
des Mantels irreparabel geschädigt, so war der weitere
Gehäusebau zeitlebens gestört. Die überwiegende
Zahl erkennbarer Verletzungen betraf den jeweiligen Mundsaum
des Gehäuses. Er war zum einen - zumindest solange das
Gehäuse noch im Wachstum begriffen war - aufgrund der
unvollkommenen sekundären Verstärkung der Schale
besonders empfindlich und bot zum anderen für mögliche
Fressfeinde den erfolgversprechendsten Angriffspunkt. Schalenverletzungen,
die beispielsweise durch den Biss von schalenknackenden Raubfischen
hinter der Gehäusemündung zustande kamen, konnten
nur repariert werden, wenn sie nicht den gekammerten Phragmokon
betroffen hatten.
Die Möglichkeit, Schalenverletzungen zu beheben, beschränkt
sich bei allen schalentragenden Mollusken nur auf die Bereiche,
die vom Mantelgewebe erreichbar sind. Aus den Kammern des
Phrag-mokons haben sich aber alle Mantelanteile zurückgezogen.
Eine Beschädigung dieses Gehäuseabschnitts musste
infolge seines unkontrollierten Flutens tödlich gewesen
sein. Bei den Ammonoideen, die gegenüber dem modernen
Nautilus eine signifikant bessere Fähigkeit zur Schalenregeneration
besaßen, können wir drei grundsätzliche Reparaturmechanismen
unterscheiden:
1. Bei kleineren Mundrandverletzungen, die nicht das Mantelepithel
betroffen haben, zog sich das Mundrandepithel an die Bruchkante
zurück, umschloss die Schalenfront und ergänzte
das verlorengegangene Schalenstück gemäß dem
normalen Skulpturplan.
Das heißt, in einem ersten Schritt wurden - wie beim
planmäßigen Vorbau der Gehäuseröhre -
Periostrakum und äußere Prismenschicht angelegt.
Perlmuttschichten unterbauten in einer zweiten Phase diese
Bruchkante und glätteten ihr inneres Relief dadurch weitgehend
aus, indem sie die Bruchkante weit zurückgreifend unterfingen
(forma aegra substructa HOLDER 1973). Bei weiter zurückreichenden
Schalenausbrüchen bedingte die Verzerrung des Mantelepithels
beim Zurückziehen nicht nur eine deutliche Schrägstellung
der neu gebildeten Skulptur-Elemente, sondern oft auch ein
mehr oder weniger deutliches Aufwölben der regenerierten
Schale vor der Bruchkante.
Dieser sehr häufige Regenerationsmechanismus führte
vor allem bei skulpturierten Arten zu kurzzeitigen Verstellungen
und Unterbrechungen der Skulptur-Elemente. Bei Am-moniten
mit langen Wohnkammern, die etwa die gesamte Außenwindung
einnehmen, könnten Schälenverletzungen noch mit
dem Mundsaumepithel repariert werden, die bis zu einer halben
Gehäusewindung zurückreichen.
Aber auch bei Arten, deren Wohnkammer kürzer ist, bleibt
die prozentuale Rückzugsfähigkeit des Mundsaumepithels
in einer vergleichbaren Dimension von etwa 40 bis 50 Prozent
der Wohnkammerlänge. Wir können daraus folgern,
dass alle Ammonoideen - unabhängig davon, ob sie longi-
oder brevidom waren - aufgrund der großen Flexibilität
ihres wurmförmig gestreckten Weichkörpers in der
Schale in der Lage waren, sich bei Gefahr vollständig
in das Gehäuse zurückzuziehen.
2. Wurde auch das Mundsaumepithel in die Verletzung einbezogen
oder reichte die Schalenverletzung hinter die maximale Rückzugsfähigkeit
des Mundsaumepithels zurück, erfüllten bei der einsetzenden
Regeneration sogenannte Reparaturschleime eine wichtige Rolle
bei der "Ersten Hilfe". Sie wurden vom Mantel an
der Verletzungsstelle ausgeschieden. In diesem organischen,
kalkreichen Sekret mineralisierten ohne weitere Steuerung
durch den Mantel neben verschiedenen anderen Karbonat
mineralien überwiegend ungeordnete, meist sphärolithische
Aragonit-Aggregate.
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Die fehlende Steuerung durch den Mantel ließ in den
auf diese Weise regenerierten Schalenanteilen keine Skulpturausbildung
zu. Solange das verletzte Mund saumepithel seiner schalenbildenden
Funktion nicht nachkommen konnte, übernahmen im weiteren
planmäßigen Gehäusevorbau Reparaturschleime
im Verletzungsbereich die dort meist verzögerte initiale
Bildung der Schale.
Abnormale Gehäusemodifikationen, die aus der Kombination
charakteristischer Verletzungenund bei verschiedenen Ammonoideen
immer wiederkehrenderReparaturmechanismen jeweils ähnliche
Erscheinungsformenentstehen ließen, hat Holder als "genormte
Anomalien" aufgefasst und für sie forma aegra-Bezeichnungen
eingeführt.
Eine der charakteristischen genormten Anomalien ist die forma
verticata Holder, bei der die Anwachslinien beziehungsweise
die Skulptur-Elemente "wie mit einem Kamme gescheitelt"
erscheinen. Sie tritt bei nahezu allen schalentragenden Mollusken,
darüber hinaus aber auch bei anderen Organismen mit ähnlich
episodischem Schalenbau (zum Beispiel Brachio-poden) auf.
Die individuelle Ausgestaltung kann durch die Bildung einer
unterschiedlich breiten Spiralrinne, einer erhabenen Spiralleiste
(forma pseudocarinata) oder aufgrund zunehmender "Vernarbung"
des Epithels (forma pexa) variieren. Bei einer Position nahe
der Nabelkante entsteht ein typischer Halbscheitel (forma
semiverticata). Rippenscheitel sind die regenerative Antwort
auf punktförmige Verletzungen des Mundsaumepithels ("Mantelzerreißungen"),
die bevorzugt durch Attacken mit Krebsscheren ausgelöst
wurden.
Diesen Mechanismus können wir auch beim rezenten Nautilus
beobachten: Durch den teils nur vorübergehenden, oft
permanenten Verlust der schalenbildenden Funktion am verletzten
Manteläbschnitt bleibt beim weiteren Schalenbau zunächst
eine Kerbe oder ein entsprechend schmaler Schlitz am Mundsaum
offen. zu dem sich die Anwachslinien beziehungsweise Skulptur-Elemente
der benachbarten Gehäusepartien beidseitig zurückziehen
(Scheitelung). Die relativ geringe Ausdehnung der Fehlstelle
beeinträchtigt die Wohnkammer offensichtlich nicht wesentlich.
Sie wird mit zeitlicher Verzögerung zunächst durch
ungeordnete Reparaturschleime, schließlich durch Unterbauen
von Perlmuttlagen geschlossen.
3. Ein Regenerationsmechanismus, der bis heute in dieser ausgeprägten
Form nur bei Ammonoideen bekannt ist, steht in Zusammenhang
mit Erscheinungsformen der "Skulpturellen Kompensation"
("compensatio ornamentale"). Er wurde durch großflächige
Schädigungen des Mundrandepithels ausgelöst. Fiel
dadurch die schalenbildende Funktion auf einer nicht mehr
tolerierbaren Strecke am Mündungsrand aus, zerrte sich
das ungeschädigte Mantelepithel unter Dehnung in den
Verletzungsbereich und übernahm dort die Aufgabe der
Schalenbildung. Da die einzelnen Abschnitte des ammonitischen
Mundsaumepithels offensichtlich genetisch eng auf ihren jeweiligen
Skulpturplan fixiert waren, der - im Gegensatz zu den Gastropoden
- keine Flexibilität zuließ, wurden durch den Vorgang
der skulptureilen Kompensation beim weiteren Gehäusebau
die Skulptur-Elemente in ihrer Position am Gehäuse verlagert
und dabei häufig auch verzerrt ausgebildet. Konnten bestimmte
Epithelabschnitte so weit regenerieren, daß sie in der
Lage waren, ihre schalenbildende Aufgabe wieder zu erfüllen,
wird dies auf den Gehäusen in einer sukzessiven Rücknahme
der Verzerrungsbeträge erkennbar.
Je nach Skulpturplan ist eine Reihe immer wiederkehrender
Erscheinungen mit einer Vielzahl von forma-Namen belegt worden.
In der Vergangenheit wurden annähernd symmetrisch angelegte
Phänomene der skulptureilen Kompensation - insbesondere
wenn ihr Beginn bereits in die frühe Jugend des Ammoniten
fiel und entsprechende Störungen auf den Innenwindungen
nicht mehr unmittelbar zugängig sind - vielfach fehlinterpretiert.
Am Beispiel der sogenannten "Ringrippigkeit" ,
bei der anstelle einer skulpturellen Modifikation der ventralen
Außenseite des Gehäuses die Rippen der Flanken
durch eine Wachstumsstörung übersetzen, soll dies
nachfolgend kurz verdeutlicht werden.
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